GRUNDLAGEN

Yogastile im Detail: Yin Yoga

Wer eine Möglichkeit sucht, auf das tiefe Bindegewebe in seinem Körper einzuwirken, um verdickte Fazien zu dehnen und seinen Körper flexibler zu machen, sollte unbedingt einmal einen Blick auf Yin Yoga werfen. Der Stil ist auch eine perfekte Ergänzung zur dynamischen Yogapraxis, die stärker auf die Muskeln wirkt.

VON NICO JURRAN | 21. AUGUST 2014

Würde man die verschiedenen Yogastile nach der Dynamik sortieren, so stünden Ashtanga-Ableger wie Power Yoga und Vinyasa Flow an einem Ende des Spektrums: Nach einer Aufwärmphase geht es hier recht zügig und fließend von einer Körperstellung zur nächsten. Die einzelnen Asanas werden nur kurz unter voller Muskelspannung gehalten.

   
Sarah Powers

Bei Ying Yoga findet man das genaue Gegenteil: Eine Phase zum Aufwärmen und zur Mobilisation gibt es hier absichtlich nicht, stattdessen geht man kalt in die Körperstellung. Die Asanas werden minutenlang ausgeführt – was es praktisch unmöglich macht, die Muskelspannung über die gesamte Zeit zu halten. Früher oder später gleitet man tiefer in die Haltung hinein, wodurch auch das tiefe Bindegewebe erreicht wird.

Wegen dieser gegenpolige Ausrichtung sprechen die Ying-Yoga-Anhänger von den dynamischen, im Westen wesentlich häufiger praktizierten Varianten gerne als „Yang-Stile“. Diese Qualifizierung ist aber nicht absolut, auch Yang-Stilen enthalten Yin-Elemente.

Obwohl viele Ying-Haltungen Asanas in Yang-Stilen entsprechen oder zumindest stark ähneln, tragen sie oft andere Namen. Das hängt zum einen mit der Geschichte von Ying Yoga zusammen, zum anderen anderen damit, dass es kleine, aber durchaus wichtige Unterschiede zu den „Klassikern“ gibt – etwa, dass der Rücken bewusst gebeugt statt gestreckt wird.

Yin Yoga soll übrigens nicht in Konkurrenz zu den Yang-Stilen stehen, sondern diese vielmehr ergänzen – eben entsprechend dem Prinzip von Yin und Yang.

 

Historie

   
Paul Grilley

International bekannt wurde Yin Yoga durch Paul Grilley, der den Stil aber weder erfunden noch ihm seinen Namen gegeben hat. Tatsächlich hatte Grilley Anatomie studiert und unterrichtete Yang-orientierte Yoga-Varianten wie Ashtanga, als er 1987 einen TV-Bericht über den äußert flexiblen Kampfsportler Paulie Zink sah. Grilley nahm Kontakt zu Zink auf, der ihm erklärte, dass er seine Beweglichkeit „Daoist Yoga“ zu verdanken habe, das ihn Kung-Fu-Meister Cho Chat Ling gelehrt hatte.

Grilley wurde Zinks Schüler – und gab nach einiger Zeit selbst Kurse mit Yin-Übungen, bei denen er seine eigenen Anatomie-Kenntnisse einarbeitete. Trotz inhaltlicher Unterschiede nannte Grilley den Stil aus Ehrerbietung an Paulie Zink zunächst Daoist Yoga, später aber „Taoist Yoga“, um Verwechslungen zu vermeiden. Auf den endgültigen Namen „Yin Yoga“ kam schließlich Sarah Powers, die im selben Studio wie er Yoga unterrichtete und zu den ersten Schülerinnen gehörte, die sich für den neuen Stil begeistern konnte.

 

Ausführung

   
Sarah Powers

Wer Yin Yoga das erste Mal ausprobiert, merkt schnell, wie intensiv diese Erfahrung ist – nämlich dann, wenn es einem nicht mehr gelingt, sich mit Muskelkraft gegen das komplette Einsinken in die Haltung zu wehren. Spätestens dann merkt man auch, dass Yin Yoga nicht ganz so kuschelig ist, wie es eventuell als Hilfsmittel eingesetzte Blöcke und Decken Glauben machen. Mit der Zeit kommen dann durchaus schon mal Fluchtgedanken auf. 😉

Interessant ist auch, dass dem Herauskommen aus den Asanas hier sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Ist man richtig in eine Haltung versunken, ist dies nämlich oftmals gar nicht so einfach.

Manche Yin-Yoga-Anhänger behaupten, dass in unserem tiefen Bindegewebe negative Erlebnisse gespeichert sind, die durch die Praxis gelöst werden. Ob dies tatsächlich der Fall ist, soll hier dahingestellt bleiben. Sicher ist, dass Yin Yoga durchaus einen gewissen „Nachhall“ im Körper erzeugen kann. Versuchen sollte man Yin Yoga auf jeden Fall einmal.

© 2014/2015/2016 Nico Jurran. All Rights Reserved.