GRUNDLAGEN

Faszien: Mit Yoga und Selbstmassage gegen Schmerzen und Verspannungen

Ein möglicher Verursacher von Rückenschmerzen ist Ärzten trotz Röntgen- und Kernspin-Bildern lange Zeit entgangen: Faszien. Was Wissenschaftler lange Zeit lediglich für totes Stützmaterial hielten, spielt bei der Entstehung von Rückenschmerzen nach neueren Erkenntnissen aber eine wichtige Rolle. Und nun wird auch klar, warum Yoga und "Myofasziale Selbstmassage" wichtige Instrumente im Kampf gegen die Schmerzen sind.

VON NICO JURRAN | 18. AUGUST 2014

Zwei Drittel der Deutschen leiden unter Rückenschmerzen. Schulmediziner rieten Betroffenen lange Zeit vor allem, ihre Muskulatur zu kräftigen – frei nach dem Werbespruch „Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz“. Doch dies half in vielen Fällen nicht dauerhaft. Nicht selten wurde auch eine kaputte Bandscheibe diagnostiziert – und „Schonhaltung“ verordnet. Die Logik dahinter: Was nicht beansprucht wird, kann auch nicht schmerzen.
 

   

Viele Physiotherapeuten oder Osteopathen haben hingegen seit Jahren eine andere Sicht der Dinge – ausgehend von verschiedenen Denkansätzen, wie etwa dem von der Biochemikerin Ida Rolf entwickelten „Rolfing“. Diese Massageform zielt auf das Bindegewebe im Körper, das als dünne weiße Schicht die Muskeln und Organe umgibt. Mit speziellen langsamen Massagetechniken soll dabei die ursprüngliche Dehnfähigkeit dieses auch Faszien genannten Gewebes gegenüber den Muskeln wiederhergestellt und die Durchblutung gesteigert werden.

 

Umdenken

Auch wenn diese Behandlungsform bei Schmerzpatienten (nicht nur im Bereich des Rückens) zu Erfolgen führten, blieben viele Mediziner skeptisch – nicht zuletzt, weil sich Faszien im lebenden Menschen nicht sichtbar machen ließen. So hielten viele Ärzte Zeit Bindegewebe für totes Stützmaterial. Doch neue wissenschaftliche Erkenntnisse zwingen mittlerweile auch sie zum Umdenken.

Eine 2009 veröffentlichte Studie des New England Journal of Medicine stellte etwa fest, dass bei 75 Prozent der Rückenschmerzpatienten bildgebende Verfahren wie Kernspin die Beschwerden nicht erklären konnten. Dagegen zeigte sich, dass sich im Bindegewebe viele sensorische Rezeptoren befinden, die Schmerz signalisieren (Nozizeptoren) – und dass die Faszien Schmerzgenerator sein können, auch ohne dass die Bandscheibe selbst geschädigt ist. Es konnte inzwischen bewiesen werden, dass Rückenschmerzpatienten häufig verdickte Faszien im Lendenwirbelbereich haben und dieser Bereich auch schmerzempfindlicher ist.

 

Dieser Beitrag fasst die theoretischen Grundlagen zu Faszien und deren Rolle bei Rückenschmerzen gut zusammen.
 

Andererseits können aber eben auch Folgeschäden an ganz anderen Stellen auftreten, wenn Faszien verkleben oder verdicken: Da das Binde- wie das Stützgewebe (Knochen und Knorpel) an der Kräfteverteilung im Körper mitwirken und die Aktivität der Skelettmuskulatur unterstützen, führen Verspannungen schnell zu dauerhaften Fehlhaltungen – und einer sogenannten muskulären Dysbalance. So kann eine „Baustelle“ letztlich schwerwiegende Probleme an einer ganz anderen Stelle des Körpers verursachen. Die Tatsache, dass alle Muskelfasziensysteme des Körpers miteinander verbunden sind, prägt das osteopathische Denkmodell entscheidend.

Und schließlich reagieren Faszien interessanterweise auch auf Stoffe, die im menschlichen Körper bei Stress anzutreffen sind.

 

Was tun?

Natürlich würde dieser Beitrag nicht auf dieser Seite erscheinen, wenn das Praktizieren von Yoga nicht eine – nachgewiesene – Methode zur Behandlung von verklebten und verdickten Faszien wäre. Schließlich sorgt das indische Ganzkörperprogramm dafür, dass das Bindegewebe wieder ordentlich gedehnt wird. Zudem zielen viele Übungen darauf, muskuläre Dysbalancen zu beseitigen. Bessere und schlechtere Yoga-Stile gibt es dabei per se nicht – aber durchaus bestimmte Übungen, die besonders mobilisierend, öffnend kräftigend und stabilisierend auf den Körper wirken. Dabei können auch häufig Props (Hilfsmittel) wie Gurte gewinnbringend zum Einsatz gebracht werden. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass einmal Yoga pro Woche bereits reichen kann. Und Mediationsübungen senken nicht zuletzt den Stresslevel, der – wie oben angeschrieben – die Faszien ebenfalls negativ beeinflusst.

 

   
Hartschaumrollen (hier ein Modell von Sissel) werden
auch als „Pilates-Rollen“ angeboten.

Apropos Hilfsmittel: Hervorzuheben bei der Behandlung von Rückenschmerzen sind weiterhin Hartschaumrollen zum Zwecke der sogenannten „myofaszialen Selbstmassage“. Dabei wird mit Hilfe des eigenen Körpergewichts Druck auf Verhärtungen in der Skelettmuskulatur ausgeübt, um Muskelverspannungen zu lösen und die Durchblutung zu steigern. Im Englischen spricht man auch von „Self Myofascial Release“ (SMR). Die Hartschaumrolle wird dabei häufig über die Muskeln gerollt; der dadurch entstehende Druck wird für 30–60 Sekunden an der Stelle der Muskelverspannung beibehalten.

Die „Triggerpunkttherapie“ hat wiederum die Beseitigung sogenannter „myofaszialer Triggerpunkte“ zum Ziel. Diese sind lokal begrenzte Muskelverhärtungen in der Skelettmuskulatur, die lokal druckempfindlich sind und von denen übertragene Schmerzen ausgehen können. Rund 80 bis 90 % der Schmerzsyndrome sollen auf derartige Muskulaturverhärtungen zurückzuführen sein.

 

Fazit

Viele Rückenschmerzen lassen sich auch ohne Operationen wirkungsvoll und dauerhaft bekämpfen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen in den vergangenen Jahren zeigen dabei immer deutlicher, dass es sich für Betroffene lohnt, auch einmal jenseits der Schulmedizin nach Lösungen zu suchen – und das man als Schmerzpatient viel mehr selbst machen kann als Pillen zu schlucken.

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