GRUNDLAGEN

Buch-Review: Yoga kontrovers – 10 populäre Irrtümer in Bezug auf Yoga

Mathias Tietke ist einer der renommiertesten Fachjournalisten und Buchautoren zum Thema Yoga. In seinem aktuellen Buch behandelt er zehn (mehr oder minder) populäre Irrtümer im Bezug auf Yoga.

VON NICO JURRAN | 25. APRIL 2014

Genre: Sachbuch
Autor: Mathias Tietke
Umfang: 168 Seiten
Sprache: deutsch
Jahr: 2013
Verlag: Phänomen-Verlag

 

Ich halte beispielsweise Mathias Tietkes Beiträge zur unausgewogenen Darstellung von Yoga im Nachrichtenmagazin Der Spiegel für sehr lesenswert – und war daher sehr gespannt auf sein aktuelles Buch „Yoga kontrovers“. Erst beim Verfassen dieser Buchbesprechung erfuhr ich, dass die Leserinen und Leser der Fachzeitschrift „Deutsches Yoga-Forum“ im März 2014 das Werk zum „Besten Yoga-Buch 2013“ gewählt haben.

 

Inhalt

Das Buch beginnt damit, wie immer häufiger mit Klischees und Zerrbildern von Yoga versucht wird, Produkte zu verkaufen. Selbst das Bezahlen mit Kreditkarte lässt sich heute offenbar mit Erleuchtung in Verbindungen bringen. In den weiteren Kapitel geht es etwa darum, ob gelenkige TänzerInnen die besseren Yogis sind, wie wenig es bedarf, sich Yogalehrer nennen zu dürfen und dass sich mancher Guru selbst nicht an die von ihm aufgestellten Grundsätze hält.

Das sind alles Punkte, denen der kundige Leser sicher gerne zustimmt. Doch Tietke räumt mit den Behauptungen auf, die immer noch in vielen Yogabüchern und -kursen anzutreffen sind: Hatha heißt „Sonne-Mond-Ausgleich“? Völliger Quatsch! Das Hirn wird beim Kopfstand besser mit Blut versorgt? Reines Wunschdenken! Das Chanten von Mantras ist traditionell ein wichtiger Bestandteil der Yoga-Praxis? Von wegen! Und überhaupt: Es muss „der Yoga“ heißen und nicht „das Yoga“!

 

 

Das letzte Kapitel widmet sich Yoga im Dritten Reich – und fällt damit gleich doppelt aus dem Rahmen: Zum einen ist es nicht aktuell, zum anderen dürfte es kaum eine populärer Fehlvorstellung sein, dass die Hitler Yoga habe verbieten lassen. Persönlich denke ich eher, dass viele Yogis die Verbindung zwischen Nationalsozialisten und Yoga erst gar nicht herstellen – oder davon ausgehen, dass einfach alles in die Nazi-Ideologie gepackt wurde, was irgendwie zu passen schien. Auch wenn das Kapitel dennoch nicht „schadet“, muss man sich doch fragen, ob der Autor ihm 20 Seiten spendieren musste.

 

Pro & Contra

Unabhängig davon, ob man Mathias Tietke in jedem Punkt zustimmt: Das Buch liefert auf jeden Fall eine Menge Denkanstöße – auch und weil sich der Autor eben nicht scheut dorthin zu gehen, wo es „weh“ tut, Früher oder später dürfte daher mancher Leser an einen Punkt kommen, an dem sie ihre eigene Sichtweise hinterfragt.

Mehr kann ein Sachbuch kaum leisten. Warum also gibt es von mir nicht die volle Punktzahl, sondern „nur“ 4 von 5 Sternen? Das liegt an einigen handwerkliche Fehler, die mir als Redakteur besonders in der Seele weh tun. Dazu gehört etwa inhaltliche Ungenauigkeiten. So wurde etwa Bikram Choudhury im Unterschied zu Tietkes Behauptung etwa bis heute weder wegen sexuellem Missbrauchs noch wegen Vergewaltigung „angeklagt“. Eine Anklage ist Teil eines strafrechtlichen Prozesses, während Bikram aktuell „nur“ zivilrechtlichen Verfahren ausgesetzt ist. Unverständlich ist hier auch, warum sich Tietke auf zwei britische Quellen stützt, wenn man die Akten des zuständigen US-Gerichts frei im Internet einsehen kann.

Und während einige Sätze einfach nur etwas schwer verständlich formuliert sind, leistet sich der Buchautor leider einen echte Fauxpas, als er schreibt: „Die Spanne reicht von der Heranwürdigung Mahatma Gandhis bis zum Heilversprechen, dass beim Besuch der Ramdev-Camps oder Anwendungen seiner Pranayama-Anweisungen sich sowohl AIDS als auch Krebs sowie Homosexualität auf die Schnelle heilen lassen“. Ich gehe mal davon aus, dass Mathias Tietke nicht meint, dass Homosexualität eine Krankheit ist – würde aber dringend empfehlen, diesen Satz in der nächsten Auflage zu überarbeiten.

 

Fazit

Die geäußerten änderten Kritikpunkte ändern aber nichts daran, dass ich die Lektüre dieses Buches jedem Yogi empfehle, der sich kritisch auseinandersetzen möchte mit Yoga – „beziehungsweise mit dem, was man Yoga nennt oder was im Westen für ‚Yoga‘ gehalten wird“, wie Tietke schreibt.

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